Lebensberichte


Keine Kooperation mehr mit Schnecken ...

Tim Treis


Schweine-Trauma

SchneckenInmitten von Mastschweinen und Getreide verbrachte ich eine recht behütete Kindheit – mit viel Herumstreunen in der Natur und all den Möglichkeiten, die ein Bauernhof so bietet.

Andererseits musste ich in dem elterlichen Betrieb natürlich häufig auch mithelfen. Besonders gegen die Arbeit im Schweinestall entwickelte ich schnell eine starke Abneigung, da es dort oft so entsetzlich stank, dass mir die Augen tränten und ich immer wieder ausgelacht wurde, weil ich nach »Schweine-Stall« roch. Dieses »Schweine-Trauma« war für mich der Grund für die Entscheidung, auf keinen Fall Landwirt werden zu wollen. Deshalb war ich auch völlig damit einverstanden, dass mein Vater in meinem 14. Lebensjahr die Landwirtschaft aufgab und der ganze Hof stillgelegt wurde.

Aufgrund verschiedener Lungenerkrankungen hatten mich meine Eltern im Alter von 10 Jahren im örtlichen Posaunenchor angemeldet. Erst Jahre später erwies sich das aus verschiedenen Gründen als eine sehr gute Entscheidung. Ab der siebten Klasse ließen meine schulischen Leistungen rapide nach und ich isolierte mich immer mehr von meinen Schulkameraden. Auch das Wiederholen der achten Klasse nützte nicht viel – ich blieb entsetzlich faul und entwickelte mich immer mehr zum Außenseiter, der keine Freunde hatte. In dieser Zeit wurde mir meine Trompete in gewisser Weise zum Ersatz für Freunde und der Einzelunterricht, den ich inzwischen bekam, brachte einige Erfolgserlebnisse.

Hauptsache dagegen!

Um meinen Mitschülern, bei denen ich wenig beliebt war, zu demonstrieren, dass ich sie sowieso nicht nötig hatte und aus einem ganz anderen Holz geschnitzt war als sie, begann ich mir einige sonderbare Marotten anzugewöhnen: Zum Beispiel bemühte ich mich, grundsätzlich das Gegenteil von dem zu tun, was alle anderen machten. Wenn alle sich die neuesten Hits aus den Charts anhörten und begeistert davon waren, hörte ich grundsätzlich nichts aus den Charts. Zusammen mit einem Mitschüler begann ich über drei Jahre hinweg, von den Osterferien bis zu den Herbstferien, nur barfuß und mit kurzen Hosen in die Schule zu gehen. Das war natürlich zeitweise sehr kalt, aber ich wollte ja demonstrieren, dass ich etwas anderes war als die Masse der Mitschüler und meine eigenen Wege ging.
 
Alle diese Verhaltensweisen führten dazu, dass ich immer mehr zum Sonderling und Eigenbrötler wurde. In dieser Zeit begann auch mein Interesse an anderen Religionen zu wachsen, besonders am Buddhismus. Da ich jedoch niemanden hatte, der mir meine Fragen kompetent beantworten konnte, führten diese Dinge eher dazu, mir eine Traumwelt aufzubauen, in der alles besser verlaufen sollte als in meiner bisweilen traurigen Realität.
 
Von Natur aus war ich sehr unsportlich und ängstlich – so war mein Traum, mithilfe von Meditationen sowie geistigen und körperlichen Übungen fit, gestählt und auch emotional unangreifbar zu werden. Meine Strategie wurde mehr und mehr, mich in meine Fantasien zurückzuziehen und nach außen möglichst wenig von mir preiszugeben. Meinen Eltern bin ich sehr dankbar, dass sie alle diese Entwicklungen geduldig und mit Liebe ertragen haben und ich wenigstens zu Hause heile Verhältnisse hatte.

Posaunenchor-Bläser und Reggae-Kiffer

Zu meinem Glück wurde ich während der Zeit der Oberstufe nach und nach in verschiedene Auswahl-Posaunenchöre innerhalb der Landeskirche aufgenommen. Dadurch bekam ich viele neue Kontakte und meine Einsamkeit ließ deutlich nach. Überhaupt entsprachen meine »Mitbläser« wesentlich mehr meiner Wellenlänge, sodass ich viele meiner seltsamen Angewohnheiten im Laufe dieser Zeit wieder fallen ließ und sehr froh über den neu entstandenen Bekanntenkreis war. Die Zeit nach den Konzerten, die wir öfter zu geben hatten, haben wir immer sehr feucht-fröhlich verbracht, sodass ich in recht kurzer Zeit ziemlich trinkfest wurde.
 
Die Aufgabe solcher Auswahl-Chöre war, bei Kirchenjubiläen und ähnlichen Anlässen abends ein Konzert zu geben sowie sonntags morgens den Gottesdienst musikalisch zu gestalten. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, viele evangelische Gottesdienste mitzuerleben. Die meisten sprachen mich jedoch nicht an und nur selten hatte ich das Gefühl, dass der Pfarrer, der dort predigte, ernsthaft an etwas außerhalb unserer sichtbaren Welt glaubte. Es war einfach alles sehr nüchtern, inhaltsarm und theoretisch.
 
Aufgrund dieser Erfahrungen suchte ich später, als das Interesse an den Religionen neu erwachte, auch nicht im Christentum Antworten auf meine Lebensfragen. Ich war der Meinung, dass ein Pfarrer den typischen Christen darstellte, und das war mir zu wenig.
Als die Zeit des Zivildienstes kam, suchte ich mir eine Arbeit in einer evangelischen Kirchengemeinde, in der es einen großen Posaunenchor gab. Viele der Bläser an dem Ort waren wirklich fit und auch deutlich musikalischer als ich, sodass ich dort mit der Chorleitung ziemlich gestrandet bin und ernüchtert feststellen musste, dass eine musikalische Laufbahn für mich nicht das Richtige war.
 
Überhaupt war diese Zivildienststelle für mich in vielen Beziehungen eine Überforderung, da ich zum Beispiel plötzlich eine evangelische Jugendgruppe leiten musste, aber innerlich wusste, dass ich mit den Jugendlichen nichts über »Glauben« erarbeiten konnte, da ich doch selbst keinen hatte. Der Pfarrer, der mich damals als Chef betreute, wechselte dann seine Pfarrstelle, weswegen ich mit dem Vertretungspfarrer zusammen plötzlich Konfirmanden-Unterricht geben musste, später oft auch allein. Auch wenn es gut ausgearbeitete Materialien gab, war mir klar, dass dies nun wirklich ein Witz war: Ich – ein echter Luftikus – der keine Ahnung von Gott hatte und zu dem Zeitpunkt von einem vorbildlichen Lebenswandel schon weit entfernt war, sollte Konfirmanden unterrichten, von guten Werken und von Gott erzählen?
 
Erfreulicherweise kam in den Materialien fast nirgendwo Gott vor, was es mir leichter machte. Da ich ein relativ loses Mundwerk und mit dem Heucheln keine Probleme hatte, ging der Unterricht letztlich recht gut vonstatten.
 
Zwei Bereiche beschäftigten mich in dieser Zeit zunehmend: Einmal begann ich mir vermehrt Gedanken darüber zu machen, ob es mehr in dieser Welt gibt als nur die sichtbare, materielle Ebene. Von meinem Elternhaus her hatte ich nichts anderes kennengelernt, aber es gab genug Phänomene, die auf die Existenz einer geistigen Welt hindeuteten. Dies begann mich zusehends zu interessieren.
 
Zweitens war ich immer mehr begeistert von Reggae-Musik. Ich lernte Gleichgesinnte kennen und zwei von ihnen, Oli und Markus, wurden die ersten echten Freunde, die ich in meinem Leben hatte. Oli hatte schon eine recht umfangreiche Plattensammlung und wir verbrachten viele freie Abende zusammen mit Kiffen – also Haschisch rauchen mithilfe von Pur-Pfeifen, Wasserpfeifen, Chillums etc. – und Reggae hören.
 
Eine neue Welt tat sich mir auf. Hier bekam ich zum ersten Mal das Gefühl von echter Gemeinschaft und das Hypnotische des Reggae führte in Verbindung mit den Hasch-Trips zu Trance-Erlebnissen, die erstaunlich waren. Als wäre eine Tür geöffnet, konnte ich mich plötzlich in geistige Räume verlieren, die ich vorher nie gekannt hatte. Wie groß ist die Welt, die sich da öffnet? Wie groß ist das Universum, das sich in mir selbst befindet?
 
Ich begann Rollenspiele zu genießen: Im Rahmen meiner Familie war ich vernünftig, gebildet, zielstrebig, bei den Konzerten war ich im schwarzen Anzug, gutbürgerlich, solide, und bei den Reggae-Partys völlig bekifft und betrunken. Es waren gleichzeitig drei Welten: In den ersten beiden heuchelte ich, fühlte mich jedoch am glücklichsten, wenn ich bekifft war – von meiner inneren Leere spürte ich dann nichts mehr.
 
Über die Zivildienststelle ergab sich die Möglichkeit, in Südafrika mit schwarzen Kindern in verschiedenen Townships Posaunenchor-Arbeit zu beginnen. Da ich schon immer gerne reisen wollte, nutzte ich diese Gelegenheit sofort.
 
Es war die erste Nacht in Botswana, die erste Nacht auf meiner Reise durch verschiedene afrikanische Länder. Ich ging zum Waschraum des Campingplatzes. Im Vorraum kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Man stellte sich die üblichen Fragen: Woher kommst du, wohin gehst du …
Ich erzählte ihm, dass ich über die evangelische Kirche für vier Monate eine Arbeit in Südafrika gehabt hatte und nun am Beginn einer längeren Reise stünde. Als er das Wort »Kirche« hörte, wurde er hellhörig und fragte mich: »Ach, du hast eine Arbeit von der Kirche gehabt, bist du Christ?« Diese Frage traf mich sehr überraschend und ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Bin ich Christ? Im Grunde meines Herzens wusste ich, dass ich die Frage nicht mit einem ehrlichen »Ja« beantworten konnte. Trotzdem quälte ich mir ein unsicheres »Ja« heraus, da ich zu diesem Zeitpunkt schließlich viel mit der Kirche zu tun hatte und kein Atheist war.
Der Mann merkte sofort meine Unsicherheit und fragte mich, ob ich überhaupt wüsste, was ein Christ sei. Auch diese Frage konnte ich nicht beantworten. Ehe ich mich versah, bekam ich einen zehnminütigen Bibel-Schnellkurs verpasst. Danach wünschte er mir Gottes Segen und ließ mich ziemlich verwirrt in besagtem Vorraum stehen – mit den Worten, dass dies eine Verabredung Gottes mit mir gewesen sei.
 
Während der nächsten Wochen meiner Reise hatte ich viel Zeit, über das Gehörte nachzudenken. Da ich jedoch weiter keinen »Christen« mehr traf, auch keine Bibel zum Lesen hatte, verblasste das Erlebnis relativ bald gegenüber den weiteren Eindrücken, die eine solche Reise mit sich bringt. Trotzdem blieb das Gefühl zurück, dass dieses Gespräch kein Zufall war.
 
Der Aufenthalt in Afrika bestätigte in mir den Wunsch, Entwicklungshelfer zu werden. Aus diesem Grund begann ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland ein Landwirtschaftsstudium, das mir allerdings sehr wenig Spaß machte. Relativ schnell stellten sich bei mir die Probleme wieder ein, die ich in der Schule schon hatte: Ich war viel zu faul zum Lernen und hatte, wie ich erschüttert feststellte, nach wie vor immense soziale Probleme: Ich fand wenig Kontakte, hatte keine Freunde und war nicht sonderlich beliebt.

Faszination Esoterik

In dieser Zeit begann ich mich für die Esoterik zu öffnen. Auslöser war unter anderem eine homöopathische Behandlung, die sehr erfolgreich gewirkt hatte und mein Interesse weckte. Was wirkte da und warum wirkt es, wenn es aufgrund der hochpotenzierten Verdünnung keine chemischen Vorgänge sein konnten? Ich begann an der Uni Vorlesungen anzuhören und mir in einer esoterischen Buchhandlung Bücher zum Thema zu kaufen.
 
Meine Kontakt-Probleme mit meinen Mitstudenten führten mich zu der Entscheidung, eine Bachblüten-Therapie zu beginnen. Das Einnehmen dieser Essenzen bewirkte bei mir außerordentlich starke seelische Vorgänge, sodass ich mich – allein sein war ich ja gewöhnt – für drei Wochen in mein Zimmer zurückzog (außer zum Essen), um über mein Leben nachzudenken.
Nach diesen drei Wochen war ich in gewisser Weise ein veränderter Mensch. Eine vollständige Öffnung zur spirituellen Welt hatte in mir stattgefunden und ich begann alles mit ganz anderen Augen zu sehen. Die materielle Welt war nicht mehr die entscheidende Realität, sondern die spirituelle Welt dahinter, in der Engel, das nicht näher definierte »Göttliche« und nicht zuletzt die schöpferische Kraft meiner Gedanken die Geschicke im sichtbaren Bereich des Lebens lenkten. So wurde ich der Schöpfer meines eigenen Universums, meine Glaubensüberzeugungen, meine gedanklichen Muster bewirkten die Realität, die mir alltäglich begegnete. Alles, was mir passierte, war nun dazu da, mir diese Muster aufzuzeigen und dadurch negative Prägungen (auch aus »vergangenen Inkarnationen«) in positive, göttliche zu transformieren. Wie froh war ich über diese Entdeckungen! Ich hatte das Gefühl, entscheidende Prinzipien verstanden zu haben und nun mein Schicksal, mein Leben selbst in die Hand nehmen zu können.
 
Die eigentlichen Probleme, derentwegen ich die Bachblüten-Behandlung begonnen hatte, waren dabei allerdings nicht gelöst, sondern bestanden unvermindert weiter. Nur registrierte ich dies einfach nicht mehr, da ich mich mit meinen Gedanken eher im Kosmos als in der Gegenwart befand. Dass mir auch das Studium zusehends schwerer fiel, bemerkte ich immer erst dann, wenn ich kurz vor einer Klausur wieder einmal viel zu wenig gelernt hatte, da ich die Zeit mit esoterischer Literatur statt mit Lernen verbrachte.
 
In dieser Zeit traf ich nach einer längeren Pause meine Freunde Oli und Markus wieder. Wir waren völlig erstaunt, dass wir drei unabhängig voneinander dieselbe Entwicklung in die Esoterik durchgemacht hatten! Uns war klar, dass dies kein Zufall war, und wir tauschten bis in die Nacht unsere Erfahrungen und Ansichten aus. Wir hatten uns auf einer neuen Ebene wiedergefunden!
Zur selben Zeit las ich einen Artikel in einer esoterischen Zeitschrift, in dem eine spirituelle Gemeinschaft erwähnt wurde, ohne weiteren Hinweis oder Kommentar dazu. Aus irgendeinem Grund interessierte mich diese Gemeinschaft ungemein und ich betete Richtung Universum, wohin wusste ich auch nicht genau, dass ich davon mehr erfahren wollte. Einen Tag später war ich auf einer Studenten-Fete eingeladen, wo ich mich eine Zeit lang mit einer anderen Studentin unterhielt. Diese erwähnte in dem Gespräch plötzlich genau diese Gemeinschaft, die mich so sehr interessiert hatte, und es stellte sich heraus, dass ihre Mutter dort jahrelang gewohnt hatte! Dies war sicherlich kein Zufall und ich wusste, dass ich so schnell wie möglich diese Gemeinschaft kennenlernen wollte. Über ihre Mutter bekam ich schon nach einem Tag alle nötigen Unterlagen zugesandt.
 
Ich buchte für die Sommer-Semesterferien zwei Kurse über Selbsterfahrung. Die Zeit dort schien mir sehr schön und ereignisreich, ich lernte, besser auf Menschen zuzugehen, Blockaden aus der Kindheit aufzuarbeiten und mich mehr und mehr auf die Führung aus dem Universum zu verlassen. Unter anderem entschied ich mich auch dazu, mein Studium nicht abzubrechen und die angestrebte Ausbildung als Heilpraktiker fallen zu lassen. Stattdessen wollte ich auf eine benachbarte Universität wechseln, die einen wesentlich praxisnäheren Studiengang anbot und einen stärkeren Schwerpunkt Richtung ökologischer Landwirtschaft hatte.
 
Insgesamt geschahen in dieser Zeit recht viele solcher »Zufälle« und bei mir wuchs langsam die Überzeugung, etwas Besonderes zu sein – jemand, der auf spirituellem Gebiet mal eine Rolle spielen würde.

Bio-Freak

Während des Frühjahr-Semesters nahm ich an einem Studentenaustausch mit Frankreich teil. Wegen besagter Probleme zog ich es vor, nicht gemeinsam mit der Austauschgruppe dorthin zu fahren, sondern lieber allein zu trampen. Auf dem Rückweg schaffte ich es, per Autostopp noch am selben Tag über die deutsche Grenze zu kommen und erreichte gegen 22:00 Uhr den Bahnhof in Aachen, wo ich im Wartesaal des Bahnhofs übernachten und am nächsten Tag nach Hause trampen wollte.
 
Dort angekommen stellte ich jedoch fest, dass der Bahnhof umgebaut wurde und es keinen Wartesaal mehr gab, sondern nur noch ein Dach mit jeder Menge Bauschutt darunter. Also entschied ich, mir zunächst etwas zu essen zu besorgen, um danach weiterzusehen.
Auf dem Weg durch die Stadt hielt plötzlich ein Auto neben mir und eine hübsche junge Frau mit Rucksack stieg aus. Sie kam direkt auf mich zu und fragte mich, ob ich wüsste, wo der Bahnhof sei. Das konnte ich ihr natürlich beantworten und wir machten aus, uns dort wieder zu treffen. Irgendwie spürte ich, dass diese Begegnung kein Zufall war, und bemühte mich, möglichst schnell wieder zum Bahnhof zu gelangen.
 
Sie war an diesem Tag vom Bodensee in Richtung London getrampt und musste jetzt ebenfalls am Bahnhof übernachten, weil um diese Uhrzeit kein Zug mehr Richtung London weiterfuhr. Wir versuchten dann, inmitten der Schutthaufen ein einigermaßen brauchbares Nachtlager aus Isolierwolle und Zeltplane zu errichten. Anschließend unterhielten wir uns noch länger.
Zu meiner Verwunderung stellte sich Judith als »Hausfrau und Mutter« vor. So hatte ich mir diesen Menschenschlag allerdings überhaupt nicht vorgestellt und es stellte sich heraus, dass sie alleinerziehende Mutter einer zweijährigen Tochter war.
 
Ich erzählte ihr auch von meinem bevorstehenden Studienwechsel und der besagten Uni, wo es – wie ich dachte – nur Bio-Freaks gebe, die alle in Land-WGs mit ein paar Hühnern im Hinterhof leben würden. Diese Schilderung sprach Judith so sehr an, dass sie das bevorstehende Sozialpädagogik-Studium fallen ließ und ein Praktikum auf einem Biohof anfing, um danach ebenfalls dort zu studieren.
 
Frühmorgens fuhr dann ihr Zug und geistesgegenwärtig genug überwand ich meine Schüchternheit und fragte sie nach ihrer Telefonnummer, die sie mir zum Glück auch gab. Mit entsetzlichem Herzklopfen meldete ich mich dann immer wieder mal bei ihr, es kam auch noch zu zwei Besuchen und im Laufe dieser Zeit begann ich mich in sie zu verlieben. Nach dem Ende des Semesters würde ich mein Studium für ein einjähriges landwirtschaftliches Praktikum auf einem Biohof unterbrechen. Kurz vor Beginn des Praktikums kam Judith noch mal zu mir nach Hause zu Besuch, diesmal mit ihrer kleinen Tochter Rebecca. Abends, als wir uns ungestört unterhalten konnten, sprachen wir auch über eine mögliche Beziehung, die ich natürlich wollte.
 
Judith war sich da überhaupt nicht sicher und wir unterhielten uns bis spät in die Nacht über verschiedene Dinge. Letztlich willigte sie ein, wobei Judiths Beweggrund für diese Entscheidung war, dass sie sich dachte, wenn sie überhaupt Gott finden könnte, dann über mich, was sie mir auch so sagte. Ich wiederum verstand nicht, wovon sie sprach, da ich zwar jede Menge esoterischer Theorien parat, aber keine Beziehung zu Gott hatte. In meiner männlichen Eitelkeit hätte ich mir natürlich auch andere Gründe lieber gewünscht als gerade diesen. Nun, ich war 24 Jahre alt und in jedem Falle froh darüber, endlich eine Freundin zu haben. Es folgte ein Jahr, wo wir uns fast jedes Wochenende sahen und die Beziehung recht bald an Tiefe gewann.
 
Erst in dieser Zeit begriff ich, dass ich nicht nur eine Freundin hatte, sondern plötzlich auch in die Rolle eines Ersatzvaters schlüpfen sollte. Dass Rebecca auch noch da war, hatte ich vorher ziemlich verdrängt – und als die kleine Rebecca mit ihren drei Jahren begriff, dass sie plötzlich ihre Mama mit jemandem teilen sollte, versuchte sie mit allen Mitteln, mich loszuwerden.
 
Es wurde eine sehr schwierige Zeit. Die Situation überforderte mich völlig und ich war häufig genervt und lieblos zu Rebecca, die mir wiederum sehr unmissverständlich ihre Abneigung zu verstehen gab. Andererseits war mir klar, dass die Beziehung zwischen Judith und mir nur dauerhaft etwas werden konnte, wenn ich mich auf Rebecca wirklich einließ, was mir Judith ebenfalls sehr deutlich zu verstehen gab. Über Jahre hinweg blieb dieses Problem bestehen. Regelmäßig gab es Streit, Szenen, Auseinandersetzungen und ich schwankte hin und her zwischen meinem Ärger über Rebecca einerseits und heftigen Schuldgefühlen wegen meines permanenten Versagens ihr gegenüber andererseits. Auch Meditationen auf das Herz-Chakra halfen nicht, ebenso wenig, dass ich spirituelle Lebensberatung mit Bachblüten- Therapie bei einer Geistheilerin in Anspruch nahm.
Oft genug kam es vor, dass ich von einem esoterischen Seminar nach Hause kam in der Hoffnung, dadurch irgendwie weitergekommen zu sein, Blockaden aufgelöst zu haben, die mich hinderten, Rebecca mehr zu lieben. Kaum zu Hause kam es prompt wieder zu einem Konflikt und mein Kartenhaus fiel zusammen. Obwohl wir uns im Laufe der Jahre dann irgendwie miteinander arrangiert haben, blieb diese Beziehung schwierig und mein regelmäßiges Versagen darin eine traurige Realität, die durch nichts geleugnet werden konnte. Nach einem Jahr wurde Judith schwanger und wir entschlossen uns, zusammenzuziehen. Judith hatte inzwischen aus dem Praktikum eine landwirtschaftliche Lehre werden lassen und diese abgeschlossen; mein Praktikum war ebenfalls zu Ende. Für uns beide begann das Studium.
 
In dieser Zeit erreichte uns eine traurige Nachricht: Mein Freund Markus hatte einen Rückfall erlitten von einer schon länger ausgestandenen Krebserkrankung. Ich war schockiert, da er in den vergangenen Jahren eine Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht hatte, über die wir alle nur staunen konnten. Aus einem schüchternen, fast verklemmten und unsicheren jungen Mann war inzwischen ein selbstsicherer, völlig lockerer Typ mit einer unerschütterlichen Fröhlichkeit geworden.
Mit Oli war er zusammen in einem Aschram in Indien gewesen, wo er, wie wir meinten, als tiefgläubiger Mensch zurückgekehrt war. Seinen Job als Banker hatte er an den Nagel gehängt, eine Ausbildung zum Erzieher begonnen und Stück für Stück sein ganzes Leben umgekrempelt. Sein Denken schien von Gott erfüllt. Wozu »brauchte« er eine solche Erkrankung? Doch auch während der Krankheit entwickelte er sich weiter sehr positiv, sodass wir den Eindruck hatten, dass der Sinn dieser Erkrankung in dem dadurch angestoßenen Entwicklungsprozess liegen müsse. Wir alle und er am meisten glaubten fest daran, dass er mit »göttlicher Hilfe« diese Krankheit überleben würde, weswegen er zu einem gewissen Zeitpunkt auch die Chemotherapie abbrach und sich ganz auf die »göttlichen Heilkräfte« und alternativen Heilmethoden verließ.
 
Doch fünf Tage vor der Geburt unserer Tochter Solveigh starb Markus. Ein quälendes Gefühl von Unverständnis und Verwirrung blieb bei mir zurück: Wozu das alles? Wo lag da der Sinn? Konnte »Gott« ihn nicht heilen, wo er sich doch ganz auf ihn verlassen hatte? Die Geburt von Solveigh und die Überzeugung, dass Markus ohnehin bald wieder inkarnieren – also seine Seele sich irgendwo mit einem neu entstehenden Körper verbinden – würde, tröstete mich jedoch bald darüber hinweg.
Mit Oli zusammen begann ich zu überlegen, ob er vielleicht sogar direkt in unserem Umfeld oder sogar aufgrund der engen Beziehung in einer unserer Familien wiedergeboren werden würde.
 
Tief in mir kamen aber auch Zweifel an diesen Überlegungen hoch: Was davon ist Wahrheit, was davon menschliche Spekulation, wie im Fall von Markus’ Tod und unseren Erwartungen über den Verlauf seiner Inkarnation? Warum konnte ich mich nicht an vergangene Leben erinnern, trotz meines Bemühens, irgendwie Einblicke in frühere Inkarnationen meiner Seele zu bekommen? Wenn es wirklich ein für alle Menschen gültiges Prinzip ist, warum weiß der mit Abstand größte Teil der Menschen nichts davon?

Natur-Magie

In den folgenden drei Jahren verbrachte ich die Zeit damit, in meinem Studium voranzukommen und verschiedene esoterische Richtungen und Praktiken kennenzulernen. Wir waren inzwischen als Familie aufs Land gezogen, hatten einen großen Garten und lebten ausschließlich von Bioprodukten. Bei Krankheiten kamen nur Homöopathie und Bachblüten zum Einsatz. Diese naturverbundene Lebensweise trug dazu bei, mich mehr und mehr für Natur-Magie zu interessieren, obwohl ich diese Dinge schon vorher kennengelernt hatte. Wenn sich die Möglichkeit bot, nahm ich an schamanischen Schwitzhütten teil und begann mich vermehrt für Geistwesen wie Elfen, Devas und Natur-Engel zu interessieren. Die Bücher eines Mannes aus Slowenien, der hellsichtig war und mit diesen Wesen einen fast selbstverständlichen Kontakt hatte, faszinierten mich sehr.
 
Ich begann ebenfalls über Meditation die Verbindung mit diesen Wesenheiten zu suchen, da ich das Konzept insgesamt sehr schlüssig fand, allerdings gelang mir dies nie. Meine Sichtweise war schließlich, dass Bäume, Gärten, Felder und Landschaften eben nicht nur aus der sichtbaren Ebene bestehen, die wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, sondern dass es eine beseelte, wissende Ebene dahinter gibt, welche die eigentliche, wirklichkeitsschaffende Dimension darstellt: Jede Pflanze hat nach dieser Sicht einen Engel (Elfe, Deva, wie auch immer man sie nennen will), der mit ihr verbunden ist, genauso wie es Engel gibt, die für ganze Landstriche zuständig sind. Da diese Wesen ja keinen physischen Körper haben, also nicht altern können und damit außerhalb unseres Zeitkontinuums stehen und aus der Nähe zum Göttlichen heraus für das Fortbestehen der natürlichen Prozesse in der Natur Sorge tragen, war es naheliegend, sich mit Lebensfragen usw. an einen alten Baum bzw. das Wesen dahinter zu wenden, um dort Weisung und Hilfe zu erfahren. Schließlich sollte es sich um gute, göttliche Wesen handeln, frei von den menschlichen Begrenztheiten.
 
Ein anderer geistiger Lehrer bot ein Konzept an mit dem klangvollen Titel »Kooperation mit der Natur«. Seine Botschaft war, sich mit den Schädlingen im Garten kooperativ zu einigen, anstatt sie zu bekämpfen. Dazu sollte man z. B. zu den Schnecken meditativ Kontakt aufnehmen und mit ihnen einen Vertrag machen, dass sie zum Beispiel 10 % der Salate fressen dürften und man selbst die verbleibenden 90 % für sich behalten wolle. Dafür würde man sie nicht bekämpfen, sondern es ihnen im Garten so schön wie möglich gestalten. Mit einigem Erfolg probierte ich dieses Konzept in unserem Garten aus, wenn es mich auch ärgerte, das der »Erfinder« dieser Methode kurze Zeit später den Namen patentrechtlich schützen ließ, damit niemand anders damit Geld verdienen konnte.
 
Dies machte mich stutzig, da es meiner Überzeugung nach bei diesen Dingen doch nicht um Geld, sondern um das spirituelle Erwachen der Menschheit ging, die sich am Übergang zu einem neuen Zeitalter befand.
 
Die Tatsache, dass ich selbst schon Tausende von DM für esoterische Seminare, Bücher und ganzheitliche Heilmittel, Aura-Soma-Flaschen usw. ausgegeben hatte, fand ich allerdings ziemlich normal. Schließlich bekam ich auch Kontakt zum Tibetanischen Diamantweg-Buddhismus. Der Lehrer dieses Weges wirkte ungemein faszinierend auf mich, da er eine Kraft ausstrahlte, die sehr überzeugend wirkte. Auch sagte er von sich, er sei »befreit«, hätte also sein Ego überwunden. Solche Leute trifft man nicht oft und es schien, als wäre dieser Weg sehr wirkungsvoll. Ich ließ mich daher in die »Vorbereitenden Übungen« einweihen und nahm an der »Phowa«-Meditation teil, die sehr beeindruckend waren, weil man bei Bewusstsein seinen Körper verließ und in einen weiten, glückerfüllten Raum gelangte, ungetrübt von den menschlichen Wirrungen des Alltags. Diesen Eindruck konnte man dann mit zurück in den Körper nehmen. Negative Störgefühle, die einen an der Entwicklung hin zur Erleuchtung hinderten, sollten dadurch keine Wirkung mehr im Menschen zeigen.
 
Da ich im Laufe der Zeit die Person dieses Lehrers sehr genau beobachtete, bekam ich mehr und mehr Zweifel daran, ob er tatsächlich »befreit« sei. Wo er nur konnte, machte er das Christentum lächerlich und zeigte so ungeniert seinen Hang zu schönen Frauen, dass ich den Eindruck bekam, kein Ego zu haben, hieß in seinem Fall in erster Linie, keine moralischen Barrieren mehr zu kennen.

Ungelöste Fragen

Obwohl ich inzwischen viele esoterische Richtungen gründlich kennengelernt hatte, blieben zwei Fragen ungelöst, die mich immer wieder beschäftigten und quälten: Einmal war ich immer noch auf der Suche nach Gott. Trotz aller Bemühungen und Erfahrungen blieb er für mich die ferne, unbekannte Größe schlechthin und das in der Esoterik gelehrte ziemlich diffuse »Göttliche« half mir nicht wirklich weiter. Noch mehr war mir Jesus Christus ein Rätsel. Fast jede Richtung hatte ihren eigenen Christus, viele lehrten das sogenannte »Christus-Bewusstsein«, aber in meinem Herzen wusste ich, dass ich ihn einfach nicht kannte. Ich kann mich an Gebete erinnern, die ich alle paar Monate zu einem mir völlig unbekannten Christus gen Himmel sandte mit der Bitte, ihn kennenlernen zu wollen. Meistens suchte ich danach in der esoterischen Buchhandlung ein Buch zu diesem Thema, was mir jedoch auch nicht weiterhalf. Ein Blick in die Bibel war zu dieser Zeit keine Alternative. Nach meinen Erfahrungen in der evangelischen Kirche schien es mir undenkbar, dass dort eine Lösung zu finden sein könnte.
 
Zweitens beobachtete ich genau die spirituellen Lehrer, deren Seminare ich besuchte. Nach anfänglicher Begeisterung stellte ich fest, dass sie im Grunde genommen genauso unerlöst waren wie ich auch. Grundsätzlich ist das ja ein Problem, das jeder Mensch hat, daher stand es mir nur bedingt zu, darüber zu urteilen.
 
Andererseits hatten diese Lehrer faszinierende Lehren anzubieten und versprachen, einem damit wirklich weiterhelfen zu können, waren hervorragende Redner und als Personen zunächst sehr beeindruckend. Einer dieser »Gurus« wurde allerdings entsetzlich jähzornig, wenn seine Lehre infrage gestellt wurde, ein anderer war von offensichtlichem Egoismus geprägt. Wie konnte das zusammenpassen mit der Botschaft von innerem Frieden und Glückseligkeit sowie der Befreiung oder gar Erleuchtung, die sie auf ihre Fahnen geschrieben hatten?
 
Zusammen mit den nur spärlichen Verbesserungen, die ich bei mir selber beobachten konnte, und dem Eindruck, dass viele dieser Lehren bei mir nicht wirklich funktionierten, entstanden die ersten grundsätzlichen Zweifel an der Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit dieses ganzen Gedankengebäudes. Da ich jedoch keine Alternative oder etwas Besseres anzubieten hatte, ließ ich diese Zweifel nicht ernsthaft an mich heran.
 
Judith betrachtete meine ganzen Trips immer mit einer gewissen Skepsis. Von Hause aus war sie katholisch, was sie eher unbewusst vor den meisten esoterischen Lehren schützte. Trotzdem hinderte sie mich nicht an der Ausübung dieser Dinge, obwohl das viele Geld, das ich dafür ausgab, ihr sehr leidtat. Die Tatsache, dass sie eine Waldorfschule besucht hatte, bewirkte trotz ihres katholischen Hintergrundes, dass sie spirituellen Lehren nicht völlig abgeneigt war und besonders die Anthroposophie grundsätzlich positiv einschätzte.
 
Wir besuchten daher auch zusammen einen Hauskreis, in dem wir den »landwirtschaftlichen Kurs« von Rudolf Steiner lasen. Richtig erfreulich war dies allerdings nicht, da praktisch keiner den Inhalt des Kurses richtig verstand, aber niemand es zugeben wollte. Das Ganze wirkte manchmal wie Rätselraten; spannender wurde es erst, als ein Physikprofessor zu dem Lesekreis dazustieß, der im anthroposophischen Gedankengut sehr »sattelfest« war und alles erklären konnte. An der Uni herrschte gegenüber der Anthroposophie und speziell der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, die von Rudolf Steiner entwickelt worden war, eine sehr positive Stimmung – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Universitäten in Deutschland. Es war wie ein Tummelplatz für alle Arten von spirituellem Gedankengut und ich fühlte mich dort sehr wohl.
 
Für meine Diplomarbeit suchte ich mir dann auch ein anthroposophisches Thema aus. Um dazu Untersuchungen machen zu können, zog ich für zwei Monate nach Dornach (Schweiz) ans Goetheanum, dem Hauptsitz der anthroposophischen Gesellschaft. Judith, inzwischen zum dritten Mal schwanger, blieb so lange allein zu Hause. Die korrekte und exakte Methode der anthroposophischen Naturwissenschaftler faszinierte mich sehr, ebenfalls machten mir meine Untersuchungen sehr viel Spaß.
 
Weniger erfreulich war, dass das Leben der vollzeitlich dort arbeitenden Anthroposophen ziemlich stark von Streit und Eifersüchteleien gekennzeichnet war, was mir die Methode als solche verdächtig machte – ebenso die Tatsache, dass Kritik an dem Werk »Herrn Doktor Rudolf Steiners« grundsätzlich nicht erwünscht war.

Hochzeit mit »Barfuß-Tanz«

In der Zwischenzeit hatten Judith und ich uns überlegt, dass wir heiraten wollten. Wir waren sehr glücklich miteinander und konnten uns gut ein gemeinsames Leben vorstellen. Es war naheliegend, die Hochzeitsfeier auf dem Hof meiner Eltern zu feiern, da es ein großes und schönes Gelände mit viel Platz war.
 
Die Feier verlief dann im Verhältnis zu gewöhnlichen Hochzeitsfeiern recht außergewöhnlich: Im Garten stellten wir unser Tipi auf, Bekannte aus der Zivildienstzeit hatten eine erfolgreiche Reggae-Band gegründet, die an dem Abend spielte.
 
Statt Geschirr, Haushaltsachen und Bettwäsche ließen wir uns Werkzeug zur Hochzeit schenken und in dieser warmen Augustnacht feierten wir dann ein rauschendes Fest. Das Essen war zu 100 % biologisch und Judith wurde im Dorf dafür bekannt, »dass die Braut barfuß getanzt« hat.
 
Diese sehr gelungene Feier ließ bei Judith und mir den Gedanken wachsen, ob wir den Hof meiner Eltern nicht wieder reaktivieren sollten, um dort mit biologischer Landwirtschaft zu beginnen. Je länger wir darüber nachdachten, umso besser gefiel uns der Gedanke. Eine Umstellungsgruppe der Uni half uns bei der Betriebsplanung und verschiedene glückliche Umstände bestätigten uns, damit auf dem richtigen Weg zu sein. So besuchte ich eine Frau, die Kontakt zu bestimmten Geistwesen hatte. Bei Lebensfragen versetzte sie sich in eine meditative Stimmung und ein solcher Geist begann mit veränderter Stimme durch sie zu sprechen. Man bekam sehr weisheitsvolle Auskünfte, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie wirklich weiterhelfen würden. Die Prognose über die Zukunft unseres Hofes war ebenfalls sehr positiv.
 
Als wir in die konkrete Betriebsplanung einstiegen, wurden wir allerdings auch von verschiedenen Seiten her gewarnt, was wir uns da aufhalsen würden. Wir waren ja völlig blauäugig an die Sache herangegangen und dachten nicht, dass eine Betriebsneugründung irgendwie schwerfallen könnte. Menschen, die mehr Erfahrung hatten, warnten uns vor der vielen Arbeit, die damit verbunden sei.
Mir gefielen diese Warnungen überhaupt nicht. Schließlich bestimmten meine Gedanken und Glaubensüberzeugungen die Realität und wenn ich von vornherein mit solchen Überzeugungen in die Betriebsgründung einsteigen würde, war klar, dass es sich entsprechend schwierig entwickeln würde. Also dachte ich sehr positiv und auch ziemlich arrogant, dass in unserem Fall alles besser verlaufen würde. Da es sich ja um eine Neugründung handelte, war jede Entwicklung auf dem Betrieb Ergebnis unseres Denken und Handelns, also nicht beeinflusst durch die betrieblichen Vorgaben des Vorgängers.
 
Daher war ich wirklich überzeugt, mit einer außergewöhnlich guten Betriebsentwicklung den Beweis von der Wahrheit dieser esoterischen Prinzipien liefern zu können, zumal wir auch die geistige Ebene hinter den natürlichen Prozessen »kannten« und diese zu unserem Vorteil miteinbeziehen wollten.

»Biologisch-dynamische« Bauchlandung

Der Hof wurde dann als »Demeter«-Betrieb gegründet, da uns die von Rudolf Steiner gegebenen Ansätze im »landwirtschaftlichen Kurs« überzeugten und unsere spirituelle Sichtweise gut dazupasste. Mithilfe der biologisch-dynamischen Präparate, die nach den Angaben Rudolf Steiners hergestellt wurden, sollten qualitativ höherwertige Lebensmittel erzeugt werden. Dazu wurden zum Beispiel Kuhhörner mit Kuhmist gefüllt und möglichst im Herbst ca. 80 cm tief vergraben. Im Frühjahr wurden sie dann herausgeholt. Der »Hornmist« wurde in ein Fass voll Wasser gegeben und die Brühe durch ein einstündiges, immer wieder die Richtung wechselndes Umrühren »dynamisiert«. Das so entstandene Präparat wurde zur Verbesserung der Bodenprozesse auf die Felder gespritzt.
Außerdem berücksichtigten wir die Kräfte des Mondes und der Sterne bei Aussaat, Düngung und Ernte durch die Wahl des richtigen Zeitpunktes. Wir waren uns sicher, den richtigen Weg gewählt zu haben, da wir die ohnehin in den natürlichen Prozessen vorkommenden Energien kannten und zum Wohle aller nutzten.

Nachdem ich in einem leer stehenden Haus auf unserem Hof eine Wohnung für uns ausgebaut hatte, begann das erste Jahr der praktischen Betriebsführung. Zwei Versuche, mit jeweils einer anderen Familie, den Hof als Betriebsgemeinschaft zu führen, scheiterten an zwischenmenschlichen Reibereien.
 
In der Realität verliefen die ersten Jahre der Betriebsgründung noch viel schlimmer, als uns prophezeit wurde. Judith und ich hatten beide eine Wochenarbeitszeit von mindestens 80 Stunden, die Kinder mussten irgendwie nebenherlaufen oder von der Oma versorgt werden. Das Geld war extrem knapp und unser Kontostand befand sich jahrelang massiv im Minus, da alle spärlichen Einnahmen für Versicherungen, Berufsgenossenschaft usw. draufgingen. Mein Vater gab mir permanent zu verstehen, dass ich alles falsch machte, was eine weitere starke Belastung für mich darstellte. Mein esoterisches Gebäude wurde unter diesem Eindruck ziemlich lädiert, da sich statt der erhofften Praxistauglichkeit eher dessen Untauglichkeit herausstellte. Zeitweise ärgerte mich meine viele Gedankenmacherei richtig, da ich feststellte, dass sie mich an der praktischen Betriebsführung eher hinderte. Trotzdem hielt ich daran fest – ich hatte ja nichts anderes! Mit Hilfe von Kindergeld, Judiths BAföG, ihrer Sparsamkeit, ihrer weit größeren Praxiserfahrung und des Arbeitseinsatzes meines Vaters haben wir die ersten Jahre dann irgendwie überstanden.
 
Nach zwei Jahren wurde Judith zum vierten Male schwanger. Der Betrieb war ja noch lange nicht »im grünen Bereich« und wir fürchteten, mit dem Rücken nun vollends an der Wand zu stehen. Wie sollte es weitergehen, wenn Judith mehr oder weniger ausfiele, spätestens dann, wenn das Kind da war? Freunde empfahlen uns, an einem »Coaching« teilzunehmen, das uns vielleicht weiterhelfen würde. Wir klammerten uns an diesen Strohhalm und hatten dann beide jede Woche einen telefonischen Gesprächstermin mit unserem Coach, der uns wirklich gute Tipps und Hilfen gab, wie wir den Betrieb praktisch führen konnten: Ziele setzen und einen Plan erarbeiten, wie man sie erreicht usw. Nebenbei stellte sich heraus, dass dieser Coach Christ war und uns auf recht moderne Weise an die Bibel heranführte. So verstaubte Begriffe wie »Sünde«, über die ich sonst nur verächtlich gelächelt hatte, erklärte er auf so praktische Weise im Zusammenhang mit seinem Coaching-Konzept, dass meine Abneigungen der Bibel gegenüber irgendwie aufgeweicht wurden.

Erste Zweifel

Zur selben Zeit entstand die Möglichkeit, auf einem weiteren Wochenmarkt unsere Produkte zu verkaufen. Die Einnahmen, die unser Verkaufsstand in einer kleinen Stadt samstags einbrachte, waren bis dahin unsere einzige regelmäßige Betriebseinnahme, zu dem Zeitpunkt etwa 300 DM pro Woche. Ein weiterer Markt würde uns sicherlich weiterhelfen, weswegen ich das Angebot sofort annahm.
 
Auf diesem Markt war neben anderen Marktkollegen ein Mann namens Gerhard, der zusammen mit zweien seiner Kinder Brot und frisch gebackene Fladen verkaufte. In seinem Verkaufsanhänger hing ein riesiger Bibelvers: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht« (Matthäus 4, Vers 4). Für einen Brotverkaufswagen fand ich diesen Vers ziemlich erstaunlich. Noch mehr verwunderte mich seine heftige Kritik an der Demeter-Landwirtschaft, die ich betrieb, da dies in seinen Augen Okkultismus war.
Da wir wegen der Qualität der Produkte bisher nur lobende Rückmeldungen über diese Form des biologischen Landbaus bekommen hatten, machte mich seine Kritik allerdings eher neugierig, als dass ich den Kontakt mit Gerhard vermieden hätte. Ich wollte wissen, wie er zu so einer klaren Position kam, zumal er mit seinem Leben das bestätigte, was er sagte.
 
Da ich bereits durch das Coaching an der Bibel interessiert war, begann ich ihm alle möglichen Fragen zu stellen. Als Antwort bekam ich jedoch fast nie seine Meinung oder irgendwelche Theorien zu hören, sondern wörtliche Zitate aus der Bibel.
 
Er schien die ganze Bibel auswendig zu kennen, sprach mit der allerhöchsten Achtung von ihr und bewies mir durch seine Antworten, dass die Bibel auf ganz praktische Lebensfragen konkrete Hilfen geben kann.
 
Einmal zitierte er einen Vers aus dem 2. Timotheusbrief (Kapitel 4, Verse 3+4): »Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und zu den Fabeln (Mythen) sich hinwenden.«
 
Diese Worte trafen mich wie ein Hammerschlag. Sie beschrieben treffend meine Situation. Ich hatte mir selbst meine Lehrer nach der Schmeichelei ihrer Lehre ausgesucht: Du bist selber Gott, du bestimmst mit deinem Denken das Universum, du bist schon erleuchtet, musst es nur noch verwirklichen usw. Ich begann unruhig zu werden. Das Gespräch auf dem afrikanischen Campingplatz fiel mir wieder ein. Von da an löcherte ich Gerhard mit noch mehr Fragen …

Daraus entstand ein gewisser Rhythmus: Freitags vormittags stellte ich auf dem Markt meine Fragen, fuhr mittags nach Hause und bereitete zusammen mit Judith den Hofladen für den Verkauf vor.
 
Dabei erzählte ich ihr alles, was Gerhard mir gesagt hatte, was wiederum bei ihr und mir viele weitere Fragen hervorrief. Am folgenden Freitag stellte ich alle Fragen und erzählte Judith beim Laden-Einrichten wieder alles, was er mir darauf geantwortet hatte.
 
Dieses Spiel ging über Wochen. Gerhard untermauerte das, was er sagte, weil er in einer Konsequenz nach der Bibel lebte, die ich bis heute nicht wieder getroffen habe. Nach all den esoterischen Lehrern, deren Leben mich häufig nicht überzeugt hatte, machte Gerhard auf uns einen sehr glaubwürdigen Eindruck. Nun begann ich vermehrt und intensiv in der Bibel zu lesen. Sie wurde für mich mehr und mehr »lebendig« und ich staunte immer wieder, wie praktisch und lebensnah die Bibel ist. Natürlich verstand ich vieles nicht, aber das konnte ich jeden Freitag oder am Telefon nachfragen. Auch bei solchen Gelegenheiten beantwortete Gerhard unsere Fragen meistens mit anderen Bibelstellen, sodass wir uns relativ schnell recht gut in der Heiligen Schrift auskannten.
 
Bei alldem beeindruckte mich besonders die Tatsache, dass Gerhard und seine Familie eine so direkte und selbstverständliche Beziehung zu Gott hatten, wie ich es mir immer wünschte. Judith ging es ähnlich, auch sie war immer auf der Suche nach Gott gewesen. Hier schien endlich eine Möglichkeit zu sein, Gott persönlich kennenzulernen.

Lösung durch Erlösung

In unseren Gesprächen am Marktwagen wurde mir schließlich klar: Jesus Christus ist die Lösung! Der mir so ferne Jesus Christus trat plötzlich in einer so konkreten Weise in mein Leben, wie ich es nie geahnt hätte. Ich hatte bis dahin nie überlegt, warum Jesus im Gegensatz zu Religionsstiftern wie Mohammed oder Buddha am Kreuz starb. Konnte es wirklich sein, dass er dort für mich starb – dass er dort die Strafe trug, die ich verdient hatte? Mein Gewissen machte mir (zum Beispiel in meinem Verhalten Rebecca gegenüber) unmissverständlich deutlich, dass ich tatsächlich schuldig war.
Sünde war nicht mehr ein finsteres Konzept aus dem Mittelalter, sondern der eigentliche Grund, warum Gott mir immer so fern und so unbekannt war. Sünde war auch kein theoretischer oder theologischer Begriff, sondern die zusammenfassende Bezeichnung aller dunklen Seiten und Taten im Leben eines jeden Menschen – auch meines Lebens! An einem Abend, während eines Demeter-Kongresses in Frankfurt, wo ich den Abend-Vortrag schwänzte, schrieb ich dann alle mir bewussten Sünden auf einen Zettel und bekannte sie Jesus Christus im Gebet, dankte ihm dafür, dass er sie für mich am Kreuz auf sich genommen und mir Vergebung geschenkt hat. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich beten.
 
Gerhard gab mir kurz danach auch etwas zum Lesen für Judith mit. In dieser Broschüre wurde eindrücklich erklärt, warum Jesus Christus am Kreuz gestorben ist. Beim Lesen verstand Judith plötzlich, dass Jesus Christus dies für sie getan hatte, um ihre Schuld, die sie vor Gott hatte, wegzunehmen. Damit war die wichtigste Frage beantwortet, die sie jahrelang beschäftigt hatte. Nur kurze Zeit nach mir übergab sie ihr Leben ebenfalls Jesus Christus. Damit ist tatsächlich wahr geworden, warum sie sich damals für mich entschieden hatte: Sie war über den Kontakt, den ich mit Gerhard geknüpft hatte, zum Glauben gekommen. Gottes Wege sind oft sehr erstaunlich!
 
Einige Zeit später räumten wir unsere Wohnung um und mir fielen die ganzen esoterischen Bücher auf, die das Regal füllten. Beim Durchblättern wurde mir klar, dass praktisch jedes Buch falsche oder sogar zutiefst gotteslästerliche Lehren enthielt. Es verwunderte mich, dass ich das vor Kurzem alles noch geglaubt hatte. Der größte Teil der Bücher landete in der Mülltonne, zusammen mit den homöopathischen Globuli und allen anderen esoterischen Götzen (Buddha-Bilder, Sai-Baba-Fotos, Orgon-Strahler, tibetische Kultgegenstände usw.), die ich angesammelt hatte. Mir war sehr klar, dass ich noch vor Monaten über jemanden wie mich fassungslos den Kopf geschüttelt hätte, und doch war ich gleichzeitig so froh, davon befreit zu sein und ganz einfach, ohne jeden »Hokuspokus« eine echte Beziehung zu Gott haben zu können.

Hiobsbotschaften …

Erstaunlicherweise begannen dann sehr schwere Zeiten. Judith und ich waren bis auf kurze Ausnahmen immer glücklich miteinander gewesen. Kurz nach unserer Bekehrung begannen wir uns permanent zu streiten – über Monate hinweg. Ich meinte, ich müsste jetzt alles in unserem Leben bestimmen, während Judith als emanzipierte Frau sich nichts sagen lassen wollte.
 
Gleichzeitig stellte sich auf unserem Betrieb eine Katastrophe nach der anderen ein: Ein halber Hektar Zwiebeln, den wir für den Naturkost-Großhandel angebaut hatten und der unsere Einnahmequelle für den Winter darstellen sollte, verfaulte nach kurzer Zeit im Lager. Dann stellte sich heraus, dass die Kartoffeln, die wir für einen Schälbetrieb angebaut hatten, qualitativ so schlecht waren, dass wir praktisch kein Geld dafür bekommen würden. Anschließend blieb unser Schlepper mit einem Hydraulikschaden auf dem Feld stehen und die Reparaturkosten waren sehr hoch.
 
So kam eine Hiobsbotschaft nach der anderen, und das, obwohl wir zum ersten Mal zu Gott um gute Erträge gebetet hatten. Zusammen mit den permanenten Streitereien hatten Judith und ich beide den Eindruck, wir stünden kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
 
Zu der Zeit hörte ich oft eine Stimme, die mir einflüsterte, ich solle das mit dem Glauben doch sein lassen, ich würde doch sehen, dass es nichts bringt. Das Argument war nicht von der Hand zu weisen, doch Gott hielt mich in seiner Gnade fest, und nach einigen Wochen hörten die Anfechtungen wieder auf.
 
Irgendwie haben wir diese Zeit durchgestanden und uns in unserer Ehe neu gefunden. Ich begriff, dass Judith wirklich das Kostbarste war, was Gott mir auf dieser Erde anvertraut hatte, und dass es falsch war, mich so zum Chef hochzuspielen. Sie hatte durch die körperlich schwere Arbeit auf dem Hof viele Belastungen, welche die meisten Ehefrauen nicht haben, und ich lernte, soweit es in meinen Kräften stand, für sie zu sorgen. Ebenso lernte sie im Laufe der Zeit, ihre Rolle als Ehefrau entsprechend der Bibel neu zu definieren, wodurch wir insgesamt sehr glücklich geworden sind. Ein halbes Jahr nach unserer Bekehrung ließen wir uns taufen.

Konsequenzen

Einige Monate später las ich ein Buch über Okkultismus, in dem viele Praktiken erwähnt wurden, die ich betrieben hatte. Ich begann mich ernsthaft zu prüfen, inwieweit ich wirklich frei war von dem, was Geistheilerinnen, okkulte Einweihungen und energetische »Heil«-Mittel in mir bewirkt hatten. Ich betete viel und hatte doch den Eindruck – obwohl gläubiger Christ – von tiefster Finsternis umgeben zu sein.
 
Also rief ich Gerhard an, erzählte ihm meine Lage und er bot mir an, gemeinsam mit ihm zu beten. Noch am selben Abend fuhr ich dann zu ihm, erzählte ihm meine ganze Vergangenheit und brachte anschließend im Gebet jede Einzelheit, alles was ich kennengelernt und betrieben hatte, vor Jesus Christus mit der Bitte um Vergebung, um Reinigung und Befreiung.
 
Dort wurde mir auch bewusst, wie viele Menschen ich im Laufe der Jahre mit diesen Lehren verführt hatte, wofür ich ebenfalls um Vergebung bat.
 
Erst danach hatte ich das Gefühl, wirklich frei zu sein, und begriff, wie ernst die Dinge in den Augen Gottes waren bzw. wie sehr ich dem Satan als dem »Engel des Lichtes« gedient hatte. Ich bin Gott sehr dankbar, dass er mich aus alldem befreit hat.
 
Im Laufe der Zeit zogen wir uns konsequent von allen Dingen zurück, die mit dem spirituellen Gebiet zu tun hatten. Wo noch Kontakt zu früheren Bekannten bestand, denen ich esoterische Lehren erzählt hatte, meldete ich mich wieder, um ihnen zu sagen, dass diese Lehren falsch waren und ich in Jesus Christus wahres Leben gefunden hatte. Soweit es möglich war, wollte ich meine Schuld an diesen Menschen wiedergutmachen.
 
Der Austritt aus dem Demeter-Verband führte zu echten Anfeindungen. Die Anthroposophie versteht sich ja als diejenige Lehre, die dank Rudolf Steiners Schauungen erst das echte Bibelverständnis gebracht habe, indem sie die eigentliche geistige Bedeutung der Bibeltexte bereitstelle. In Wahrheit wird dort jedoch ein bibelfremder Gedankeninhalt in die Texte hineingelegt, sodass eine völlig neue Heilslehre entsteht.
 
Dies war der Hauptgrund unseres Austritts und einige unserer Demeter-Kollegen waren ziemlich sauer auf uns. Rebecca wurde aus der Waldorfschule abgemeldet und kam in die örtliche staatliche Schule.
 
Mein Verhältnis zu ihr wurde im Laufe der Zeit ebenfalls deutlich besser. Irgendwie begriff ich immer mehr, wie lieblos mein Verhalten war, versetzte mich mehr in ihre Lage und fragte mich, welche Wirkung mein Verhalten auf sie haben musste.
 
Im Alter von 12 Jahren bekehrte sie sich ebenfalls und seitdem begannen die Fronten »aufzutauen«. Es dauerte noch einige Zeit, aber auch hier hat Gott das erreicht, was ich selbst nie geschafft habe.
 
Auch unsere Landwirtschaft kam im Lauf der Jahre unter Gottes Segen. Der Betrieb steht inzwischen auf einem recht soliden Fundament, das Geld ist nicht mehr knapp, wir können auch mal in den Urlaub fahren. Nach wie vor gibt es gute und weniger gute Jahre, aber wir können bezeugen, dass Gott uns auch in den praktischen Fragen der Betriebsführung weitergeholfen hat.

Keine Selbsterlösung

Unsere früheren Bekannten konnten unsere »Kurs-Änderung« mit ihren Folgen nicht verstehen. Wir, die bisher für alles offen waren, wurden plötzlich in ihren Augen zu solchen »Fundamentalisten«, bezeichneten Dinge, die wir kurz zuvor noch selbst betrieben hatten, als okkult und böse und sprachen allen Religionen – außer dem biblischen Christentum – ab, dass sie ein Weg zu Gott sein könnten.
 
Viele unserer Bekannten zogen sich natürlich von uns zurück, was uns oft wehgetan hat. Aus der Rückschau glaube ich aber auch, dass mein Verhalten, dem es oft an Weisheit und Taktgefühl mangelte, häufig nur Kopfschütteln statt Neugierde hervorgerufen hat.
 
Auf meiner langen Suche nach Gott in den verschiedensten Heilswegen habe ich jedoch erfahren, dass es nur einen Weg zu Gott gibt: Jesus Christus! Alle anderen Religionen bieten mithilfe verschiedenster Praktiken Selbsterlösung an. Aber die funktioniert einfach nicht – wir können uns nicht selbst aus dem Sumpf ziehen!
 
Letztlich bleiben wir uns selbst ausgeliefert und erfahren immer wieder, dass aus unserem Herzen Lüge, Neid, Streit und Schlimmeres hervorkommt, selbst wenn wir es gar nicht wollen. Eine wirksame Kraft von außen muss die Erlösung an uns bewirken: Nur Jesus Christus kann uns durch seinen stellvertretenden Kreuzestod von unserer großen Schuld vor Gott befreien. Solange wir dieses Geschenk der unverdienten Gnade Gottes nicht angenommen haben, bleiben wir in dem Gefängnis unseres Egoismus.
 
Andere religiöse Praktiken helfen vielleicht, dass wir es uns in diesem Gefängnis etwas gemütlicher machen oder seine Mauern etwas erweitern. Aber wirklich und dauerhaft frei werden wir nur, wenn wir durch Jesus Christus die Vergebung unserer Sünden und bedingungslose Liebe finden. Wenn Gott uns durch seinen Geist die Augen öffnet, dann verstehen wir plötzlich, dass zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung Welten liegen, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man sich dem lebendigen, heiligen Gott zuwendet oder einem Baum – dem Allmächtigen oder einem indischen Guru. Über meine Vergangenheit mit all ihren Verirrungen fand ich in der Bibel eine treffende Beschreibung: »… dass sie die Wahrheit in Lüge vertauscht haben, indem sie dem Geschöpf mehr Verehrung und Dienst dargebracht haben anstatt dem Schöpfer, welcher gepriesen ist in Ewigkeit« (Römer 1, Vers 25).

Und heute …?

Auf dem Wochenmarkt hängt inzwischen auch bei uns ein regelmäßig wechselnder Bibelvers an der Waage und mit meinen esoterisch geprägten Bio-Kunden ergeben sich öfter Gespräche zu diesen Themen.
 
Unser Betrieb ist inzwischen recht umfangreich geworden, sodass wir als Familie die Arbeit nicht mehr allein bewältigen können. Schafe, Biogemüse, Käserei, Ackerbau und Wochenmärkte fordern den entsprechenden Einsatz, und aus den verschiedensten Ecken sind uns in den 11 Jahren, seitdem der Betrieb existiert, über 100 Praktikanten »zugeflogen«, die uns mal mehr, mal weniger geholfen haben, die Last zu tragen. Diese weiteren »Familienmitglieder« sind, je nach »persönlicher Chemie«, manchmal auch zur Prüfung geworden. Aber sie können uns doch mit unseren Schwächen und Stärken im Alltag kennenlernen und sehen, dass christlicher Glaube nicht nur ein Mäntelchen für den Sonntag-Vormittag ist. Dass wir sowohl im Umgang mit den Praktikanten als auch insgesamt mit dem Ausleben unserer Glaubensüberzeugungen immer wieder unsere Begrenztheit und Mangelhaftigkeit erfahren, ist sicher auch wahr.
 
Doch was uns von Herzen dankbar und froh macht, ist die Wahrheit und Realität dieses Versprechens:
»Wenn nun der Sohn (Gottes) euch frei machen wird, werdet ihr wirklich frei sein!« (Johannes 8, Vers 36).



entnommen aus dem Buch: Das Glück der Verlorenen, Hrsg. Wolfgang Bühne
mit freundlicher Genehmigung des CLV-Verlages, Bielefeld




Bitte lesen Sie die Bibel - das Wort Gottes!


« Sag nicht nein,
Gott ruft auch Dich, sieh,
wie es um Dich steht.
Sag nicht nein, wenn Dir sein Wort
tief zu Herzen geht.
Sieh, er liebt Dich,
nimmt Deine Sünden
und die Lasten Dir fort.
Neues Leben will er geben.
Komm und glaube seinem Wort!»



Die Bibel



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